Teil 6: Silvester on Ice

Wer ein Kind erziehen will, braucht ein ganzes Dorf, sagt man. Ob diese empirische Weisheit den neuesten pädagogischen Standards genügt, möchte ich nicht beurteilen. Aber eines kann ich seit ein paar Tagen mit Sicherheit unterschreiben: Bei jemandem, der in einem frisch gekauften Haus auf dem Land Silvester feiern will, ohne sich den Tod zu holen, kann ein ganzes Dorf gewiss nicht schaden.

Doch fangen wir von vorne an. Die Idee, einen besinnlichen Jahreswechsel auf dem Land zu verbringen, fassten wir eigentlich recht spät im Jahr. Beinahe bin ich versucht, unsere Planung für typisch berlinerisch zu halten. Der typische Berliner (nein, nicht der ausgestorbene, geborene Berliner, der echte, weil zugereiste) fällt seine Entscheidungen bezüglich Wochenenden oder gar hohen Feiertagen in der Regel so, wie er es von der Eröffnung seines Flughafens her gewohnt ist: gar nicht.

Lieber schlingert er zwischen verschiedenen Möglichkeiten herum, drückt sich vor einer festen Zusage und hofft insgeheim bis zuletzt, eine sich ihm bietende noch bessere Einladung möge die lange Unentschlossenheit im Rückblick noch einmal rechtfertigen – zumindest vor ihm selbst. Denn Berliner, die mit anderen Berlinern erfahren sind, hoffen längst nicht mehr auf Verbindlichkeit – in Sachen Flughafen ebenso wenig wie in Sachen Feiertagsbesuch. Wenn man uns also fragte, wo wir Silvester verbringen würden, und sei es kurz vor Weihnachten geschehen, so konnte es sein, dass man – je nach Gedankenspiel oder Tagesform – Paris, zu Hause oder gar nicht zu hören bekam.

Bis, ja bis wir – es wird der letzte Weihnachtsfeiertag gewesen sein – auf die eigentlich naheliegende Idee verfielen, unser erstes neues Jahr mit Haus in eben diesem Haus zu verbringen. Unsere Träume kannten kein Pardon: von Spaziergängen über verschneite Hügel über Glühwein auf dem Marktplatz bis hin zu sich in zugefrorenen Seen spiegelnden Feuerwerken war da die Rede. Gesagt, getan. Wir beschlossen, in zwei Etappen anzureisen, ich würde mich um das Haus und sie sich um die Besorgungen kümmern. Insgeheim freute ich mich über die mir zugewiesene Rolle: Was war schon das bisschen durchlüften und Heizung anschalten gegen Einkaufen und Tüten schleppen?

Hoch motiviert reiste ich mit meinem eigentlich unberlinerischen (siehe oben) Kraftfahrzeug zu der ganz und gar berlinerischen Zeit von 5:30 Uhr in der malerischen Heimat unseres kleinen Häuschens an. (Berlinerisch, wenn man ins Felde führt, dass ich mich am Abend so lange ins planlose Packen verheddert hatte, dass ich den Absprung einfach nicht schaffte, und nicht, weil ich bereits so früh aufgestanden war…) Alles war, wie es sein sollte: Ich verstaute die Mitbringsel im Wohnzimmer, das über Außentemperatur verfügte, warf rasch die Gastherme an und machte mich bettfertig. Nach einer Katzendusche und einem letzten Blick auf die sich allmählich für mich erwärmende Therme kroch ich im ersten Stock unter die reichlich klamme Bettdecke.

Am nächsten Morgen (es dürfte also knapp drei Stunden später gewesen sein) wurde ich durch wiederholtes rhythmisches Knallen aus dem Schlaf geweckt. Schon wollte ich meine Klischees über Silvester im Dorf überdenken, als ich begriff, dass es sich nicht wie in Berlin um übereifrige Böllerwerfer handelte, sondern um die Müllabfuhr, die auch am 31. Dezember noch ihrer Arbeit nachkam. Gerade wollte ich meinen dringend nötigen Schlaf fortsetzen, als mich etwas stutzig machte. Es war die reichlich klamme Bettdecke – in Verbindung mit meinem Atem, den ich klar und deutlich vor mir sehen konnte.

Hatte ich etwa vergessen, die Heizung anzuschalten? Benommen fühlte ich nach dem Heizkörper, der in diesem Zustand auch als Kühlaggregat durchgegangen wäre. Weniger benommen als besorgt torkelte ich ins Erdgeschoss zur Therme, die ich gestern bei etwa 50° Wassertemperatur aus den Augen gelassen hatte. Sie war schlicht tot. Und ich war auf einmal hellwach, ganz ohne Schlaf. Die Eisrosen auf den Fliesen unter meinen nackten Füßen mögen hierbei eine gewisse Rolle gespielt haben.

Panisch versuchte ich mich in Erster Hilfe. Da an eine stabile Seitenlage nicht zu denken war, half ich mir mit hektischem Drücken und Drehen aller vorhandenen Knöpfe und Schalter. Nichts. Mein Bemühen um neue Wärme im Haus blieb so fruchtlos wie die Anzeige der Therme stumm. Ich geriet in Panik. In wenigen Stunden würden alle unsere Gäste hier sein, angereist aus Berlin, der coolsten aller Silvesterstädte, und allein hier im Vorzimmer hatte es barocke sechs Grad unter Null. Keine schöne Begrüßung, wie ich fand, von gefrorenem Sekt ganz zu schweigen.

Es klopfte an mein Wohnzimmerfenster. Mick, mein Nachbar, stand davor. Auch er zählte zu den geladenen Gästen. Ich berichtete ihm von der Nahtoderfahrung meiner Therme und der unserer geplanten Silvesterfeier. Mick drückte und drehte. Und nahm sein Handy zur Hand. Kein Problem, wir rufen einfach meinen Handwerker an. Erleichtert wartete ich mit ihm auf eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Das Ende sollte in diesem Falle sprichwörtlich bleiben – der Handwerker, ein patenter Mann, hatte sich für den Jahreswechsel nach Kolberg abgesetzt. Sicher ein schöner Ort, aber hier half uns Empathie nicht weiter.

„Ruf doch mal den Vorbesitzer an. Der ist doch vom Fach.“ Gesagt, getan. Vom Fach sei er wohl, versicherte er mir, im Moment aber unpässlich, da an der Ostsee. Ich hätte doch einen Kamin, meinte er noch, bevor er sich mit den besten Grüßen für das neue Jahr verabschiedete. Ich spielte für einen Augenblick mit dem Bild einer vermummten Silvesterfeier am flackernden Feuer, bevor ich mich mit Mick über für Gastgeber weniger ehrenrüchige Auswege beriet. „Lass uns einfach googlen.“ Das Funkloch in meinem Haus, das sich dort nicht von ungefähr befand, erwischte Mick eiskalt. „Das hast Du jetzt von Deiner Burnout-Prävention.“

Wir beschlossen, an einen von menschlichen Organismen bewohnbaren Ort zu wechseln, und verabredeten uns in seinem Wohnzimmer. Vorher wollte ich noch schnell Frühstück besorgen. Das, so dachte ich, würde vielleicht das letzte Essen bleiben, das ich heute zu sehen bekäme. An der Fleischtheke unseres Dorfsupermarkts rutschte es mir raus. Ob man das Pastrami auch als Halbgefrorenes genießen könne? Was in Berlin nicht mehr als ein Witz gewesen wäre, zauberte in die Gesichter meiner Gegenüber ernstgemeinte Sorgenfalten. Innerhalb weniger Minuten war der gesamte Laden vor meinem Einkaufswagen zusammengekommen, von den Angestellten bis hin zu Kunden.

„Benni muss da ran. Der ist doch heute eh zu Hause.“ Die erste Nummer wurde gewählt. „Wen rufst Du denn da an?“ „Bennis Ex. Die wird Spaß daran haben, ihn aus dem Bett zu klingeln.“ „Was ist mit Karli?“ „Ne, der ist auf Montage.“ „Und Jens? Hat jemand die Nummer von Jens?“ „Ne, aber von seinem Papa.“ „Super, her damit.“ Es war, als hätte ich ein gut laufendes Uhrwerk angestoßen. Plötzlich war mein Silvesterfest eine Angelegenheit von regionaler Bedeutung. Aus dem Dorf wurde der Landkreis, aus dem Freundes- der Bekanntenkreis. Bedient und abkassiert wurde ab jetzt nur eher beiläufig.

Ich verließ den Laden eine Viertel Stunde und drei halbe Zusagen später, sich um meine Notlage zu kümmern. Einer meiner Kandidaten, längst kein Experte für Heizungsanlagen mehr, aber in vielerlei Dingen erfahren, wohnte gleich bei mir in der Straße. „Klingel einfach mal bei dem.“ Als ich nach der genauen Anschrift fragte, sah man mich verwundert an. „Ne, das ist so ein grelles Haus, total Neon, das kannst Du nicht verpassen, gleich nach der Bushaltestelle.“ Gretchen, eine Verkäuferin, fiel ihrer Kollegin ins Wort. „Ne, das ist doch vor der Haltestelle.“ „Egal, das hat so ein flaches Dach.“ Gesagt, getan. Kalles Haus, so mein Retter in spe, entpuppte sich bei eingehendem Studium aller Nachnamen auf Briefkästen im Umfeld der Bushaltestelle als dunkelrotes zweistöckiges Haus mit Walmdach. Aber Kalle war zu Hause und, viel wichtiger noch, obwohl mir völlig unbekannt spontan bereit dazu, sich meiner Heizung an einem Feiertag anzunehmen.

Als ich zu Hause auf ihn wartete, klingelte es an meiner Tür. Gretchen aus dem Supermarkt stand davor, in der Hand ein rollbarer Radiator. „Falls es nicht klappt, dann müsst ihr immerhin nicht frieren.“ Gerührt parkte ich die Heizung in meinem noch immer klirrend kalten Wohnzimmer und machte mich vorsorglich an dem Kamin zu schaffen. Kaum hatte ich die Glut entfacht, klopfte es erneut an der Tür. Es war Mick, der auf mich wartete – im Internet, wie er augenzwinkernd hinzufügte. Ich erzählte ihm von der Nachbarschaftshilfe und er gab mir die Nummer des Bürgermeisters, nur für alle Fälle. Als ich die Tür gerade geschlossen hatte, fuhr Kalle mit seinem Montageauto vor. Mit Werkzeuggürtel und Blaumann bewaffnet, machte er sich an die Demontage meiner Therme. Die Feinsicherung sei rausgeflogen, stellte er nach ein paar Minuten fest. Aber so richtig. Da sei er kein Fachmann für. Aber er wisse da jemanden.

In der Zwischenzeit – er war nach Hause gefahren, um eine Nummer zu suchen – klingelte es an meiner Haustür. Es war der Sohn meines Vorbesitzers, seines Zeichens nicht an der Ostsee, aber ebenfalls Fachmann. Beherzt wechselte er die Sicherung, ich legte den Hauptschalter um, und ein prächtiger Lichtblitz entfuhr dem störrischen Gerät. „Scheisse.“ Zufrieden nahm ich wahr, dass ich, was das Fachvokabular betraf, nicht hinter dem Urteil eines Fachmanns zurückzustehen. „Da weiß ich jetzt auch nicht weiter. Aber ich kenne da jemanden…“

To make a long story short: Am Ende wurde unser erstes Neujahr auf dem Land nicht nur ein warmes, sondern geradezu ein herzerwärmendes Fest. Ein paar Lichtblitze, kurze Telefonate und einige Kannen Kaffee später hatten wir es mit Hilfe eines halben Dorfs tatsächlich geschafft: Die Theme kletterte auf wohlige 75° Grad Wassertemperatur und das obligatorische Bleigießen war die einzige Gelegenheit, die dringend einer zusätzlichen Wärmequelle bedurfte. Zufrieden und müde torkelten wir am Ende des Tages Hand in Hand zurück vom Feuerwerk in unser kuscheliges Heim. Wer so ein Dorf hat, braucht für das neue Jahr wahrlich keine Glückwünsche mehr.

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